"Ein durchgehendes Moment in meinem Leben ist, dass ich mich oft an eine Situation gewöhne – an die Band oder die Pressestelle oder das Europa-Parlament – aber dann doch plötzlich das Gefühl habe, etwas Neues machen zu wollen. [...] Ich will aber immer das Neue versuchen, ich will nicht stehen bleiben."
Von stehen bleiben kann bei Claudia Roth keine Rede sein: Aus dem schwarzen Bayern führte sie ihr Weg von der Dramaturgin am Theater, über das Management der Kultband TON STEINE SCHERBEN schließlich in die Politik – als Abgeordnete in Bundestag und Europaparlament, Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe, sowie als Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Claudia Roth wurde am 15. Mai 1955 im schwäbischen Ulm geboren. Kurz darauf zog die Familie nach Bayern. Ihre Familie war in Bayern eher eine Ausnahme: "Wir waren im tiefsten, schwärzesten Bayern eine wirklich linksliberale Familie, in der ich lernen konnte, zu eigenen Meinungen zu stehen, zu wissen, du kriegst da vielleicht manchmal Widerspruch, kannst aber deine eigene Auffassung vertreten."
Ihren Berufswunsch formulierte sie vor dem Abitur so: "Etwas machen, wodurch die Welt gerechter und lebenswerter wird." Sie entschied sich zunächst für das Theater.
Es entwickelte sich eine bis heute anhaltende Begeisterung für italienische Brecht-Inszenierungen und moderne britische Shakespeare-Bearbeitungen.
1973 absolvierte Claudia Roth ihr erstes Theater-Praktikum am Landestheater Memmingen. Das Theater war für Roth "künstlerisches Mittel, Menschen zu bewegen, mein Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu verändern."
Sie begann in München Theaterwissenschaften zu studieren und ging später nach Dortmund. Dort arbeitete sie als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen, beim Kinder- und Jugendtheater und gründete schließlich gemeinsam mit Freunden ein Freies Theater.
In Dortmund traf Claudia Roth auch auf die Band TON STEINE SCHERBEN. 1982 wurde sie die Managerin der Band. Sie organisierte nicht nur Auftritte, sondern lebte auch in der "Scherben"-Kommune in schleswig-holsteinischen Fresenhagen.
Über eine Zeitungsanzeige (natürlich in der taz!) kam Claudia Roth 1985 zu den GRÜNEN: Die Bundestagsfraktion suchte eine Pressesprecherin. Sie bekam die Stelle und füllte sie bis Juni 1989 aus. Dann wurde Claudia Roth für die GRÜNEN ins Europaparlament gewählt, in das sie 1994 als Spitzenkandidatin für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein zweites Mal einzog.
In Brüssel machte sich Roth vor allem als Menschenrechtsexpertin einen Namen. Eines ihrer zentralen Anliegen war der Kampf für mehr Rechte der kurdischen Minderheit in der Türkei.
Nach der Europawahl 1994 richtete Roth in Istanbul ein Regionalbüro ein. Als sie sich bei Staatsminister Ayvaz Gökdemir über die Menschenrechtslage informieren wollte, beschimpfte der sie als "Prostituierte". Roth klagte gegen diesen Angriff und erhielt Schadensersatz. Das Geld spendete sie dem türkischen Frauenverein "Morçati", der sich seit Jahren gegen Diskriminierung und Gewaltanwendung gegen Frauen wendet.
Aufsehen erregte auch ein 1994 in Brüssel von ihr vorgelegter Report zur Gleichberechtigung Homosexueller. Er bildet bis heute die Grundlage für die Politik zur Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen in der Europäischen Union.
1998 kam Claudia Roth über die bayerische Landesliste in den Bundestag. Dort übernahm sie den Vorsitz des neu gebildeten Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Sie war maßgeblich an der Ausgestaltung der neuen Rüstungsexportrichtlinien beteiligt, die den Menschenrechten, der entwicklungspolitischen Nachhaltigkeit und Stabilitätskriterien einen besonderen Stellenwert einräumen.
Im Januar 2001 trat Claudia Roth als Parteivorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Nachfolge von Renate Künast an. Sie behielt dieses Amt bis in den Herbst 2002. Im September 2002 wurde Claudia Roth als bayerische Spitzenkandidatin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erneut in den Bundestag gewählt. Am 24. März 2003 wurde Claudia Roth zur Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe ernannt. Seit Oktober 2004 ist Claudia Roth wieder Teil der Doppelspitze von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Das Engagement für Menschen- und Bürgerrechte, Gleichberechtigung und Toleranz liegt Claudia Roth besonders am Herzen. Ihre außenpolitische Leidenschaft gilt der Türkei. Sie setzt sich vehement dafür ein, der Türkei die Tür nach Europa und in die EU zu öffnen: "Wenn das Land den erfolgreich beschrittenen Reformweg konsequent weiter geht, dann muss die EU ihr Versprechen halten und der Türkei eine Beitrittsperspektive ermöglichen", sagt sie.










